Kein Blabla. Disclaimerfrei.

Ein Jurist mit einem Disclaimer auf der Webseite zeigt genausoviel Kompetenz wie ein Fahrlehrer, der beim Einparken das Halteverbotsschild umknickt. 

Anon

Schlechte Beispiele

Warum hier vorführen?

Welchen Sinn soll es haben, Seiten mit einem Disclaimer ausdrücklich zu präsentieren? – Diesen: Es ist nicht nur Tante Elfriede mit ihrer Kätzchenfoto-Seite, die unvermeidlich einen Disclaimer hat, sondern auch Anbieter mit fachlichen, thematischen und intellektuell gehobenen Ansprüchen und möglicher Vorbildfunktion.

Sofern ein lokaler Hamsterzüchterverein sich von seinen 'gelinkten' Freunden distanziert, ist das allenfalls zum Schmunzeln. Wenn aber Anbieter mit pointierten Ansprüchen und Referenzqualitäten ihre Seiten mit einem Disclaimer verzieren, dann möchte ich schonmal auf die Anspruchsdifferenz hinweisen. Ich möchte hier also darauf aufmerksam machen, dass eben nicht alles schon deshalb richtig ist, weil Autoritäten es vormachen. Eigenes kritisches Nachdenken ist cool. Da kann sich plötzlich Unüberlegtheit offenbaren oder unerwartete Widersprüchlichkeit, Gegnerschaft zu eigenen Prinzipien, oder gar fachlicher Dilettantismus.

Selbsternannte Denker zum Beispiel.

Eine Betrachtung von Webseiten aus dem Aufklärerspektrum, wie Humanisten, Religions­kritiker, Rationalisten, Atheisten, die gern mit einem Überlegenheitshabitus gegenüber Gläubigen aller Religionen, Esoterikern und Verschwörungstheoretikern auftreten, vertrauen auf etlichen ihrer Webseiten doch wieder einer Verschwörungstheorie oder glauben an Gespenster, die sie mithilfe juristisch klingender Verzauberungsworte bannen wollen. Vernunft adé!

 Negativbeispiele-Auswahl:    
Humanistischer Pressedienst NachDenkSeiten Kritisches Netzwerk
Giordano-Bruno-Stiftung OWL Humanisten Baden-Württemberg Humanisten Hessen

Institutionen aller Art.

Man sollte meinen, dass große organisatorische Einheiten mit viel Personal und gebildeten Führungskräften doch Kapazitäten haben müssten, erforderliche Angaben von überflüssigen zu unterscheiden. Dennoch finde ich Disclaimer auf Seiten großer Unternehmen, Behörden, NGOs, Presseorganen oder gar Gerichten..

 Negativbeispiele-Auswahl:    
Der Tagesspiegel Amtsgericht Minden perspective-daily.de
Universität Würzburg Deutsches Rotes Kreuz  

Christen, christliche Institutionen, Gemeinden.

Christenglaube und Aberglaube sind eigentlich einander natürliche Feinde. Auf einem erschlagend großen Anteil christlicher Internetseiten leben sie jedoch in fried­licher Koexistenz zusammen. Vorne Ermunterungen zum Glauben, hinten ein Bekenntnis zum Aber­glauben. Denn der Glaube, man könne sich mit Aufsagen eines Spruches vor juristi­schem Unglück schützen, ist mangels Wirksam­keit bloß ein Verzauberungsversuch, eine Geister­beschwörung. Aberglaube eben.

 Negativbeispiele-Auswahl:    
Oncken Verlag Dekanat Nürnberg Arbeitskreis Internet - Landesverband NRW im BEFG
Bistum Mainz Baptisten Jever Ev. Kirche Hamburg

Juristen.

Warum es überhaupt Angehörige dieser Berufsgruppe gibt, denen man Unprofessionalität auf eigenem Terrain vorhalten kann, bleibt wohl deren Berufsgeheimnis. Über die begriffswolkigen und effektlosen Texte aus Häusern wie e-recht24 oder Jura­forum könnte ich noch hinweglächeln und eine neue Erkenntnis mein Eigen nennen: Siehda! Das sind nicht nur gute Juristen, sondern auch tüchtige Geschäftsleute. Sie drehen den verunsicherten Web­mastern leeres Paragrafengeschwätz an und erhalten als Gegenleistung kostenlose Werbung für ihre kostenpflichtigen Angebote. Alle Achtung!

Wenn aber Juristen selbst derlei Texte auf ihre Webseiten setzen, fehlt mir jedes Verständnis. Sie müssen sich eigentlich besser als andere über den mangelnden Nutzen solcher Wort­blöcke im Klaren sein.

 Negativbeispiele-Auswahl:    
Müller & Partner, Gelsenkirchen Rocke Winter Bachmor, Hamburg RA Janus Galka, Schweinfurt
Dr. Michael Kirchhoff, Potsdam und Berlin Kanzlei Voigt, Stuttgart  

Doch nicht nur das. Man kann sogar Distan­zierungs­erklärungen auf Juristenangeboten entdecken. Das sind Denkkonstrukte, mit denen kein Jura­student durch irgendein Examen kommen würde.

 Negativbeispiele-Auswahl:    
Jurimediate Berlin Brumme Rechtsanwälte Berlin (zZ. offline) Kanzlei Kotz, Kreuztal
Kniprath-Lopez, Hannover HERMANN & KOLLEGEN, Berlin  

Aber noch sind wir nicht am Ende der Zweifelhaftigkeiten. Ich habe erschreckend viele Rechts­anwälte im Internet gefunden, die den inhaltlich falschen und intellektuell depperten Hamburger-Landgerichts-Disclaimer auf ihre Seite packen. Da kann ich fast nur noch die weiße Fahne schwenken und entsetzt fragen: Ist ein Rechtsanwalt, der ein solch krasses Beispiel von juristischem Dilettantismus vor aller Öffentlichkeit ausbreitet überhaupt in der Lage, Probleme aus anderen Rechtsgebieten ordentlich zu bearbeiten?

 Negativbeispiele-Auswahl:    
Steinhusen Thiele Christiansen, Flensburg Torsten Heiner, Garbsen Anwaltskanzlei Schäfer, Berlin
Schweigler-Trapp, Gräfelfing Gellner & Kollegen, Verl  

Alle Web-Nachweise wurden in der Zeit von Juli 2017 bis Oktober 2018 gefunden. Screenshots liegen vor.


Der Hamburger-Landgerichts-Disclaimer jetzt auch im Buch

Hannes Jaenicke, beliebt und bekannt als Schauspieler, hat sich auch als Buchschreiber versucht. Sein Werk "Die große Volksverarsche" habe ich in der Kindle-Version gelesen und staunte nicht schlecht, als ich gegen Ende auf das Kapitel 12 stieß. Das beginnt nämlich mit dem aus anderen Zusammenhängen berüchtigten Text "Mit Urteil vom 12. Mai 1998 ... hat das Landgericht Hamburg ...".

Hannes Jaenicke dürfte nun das Verdienst zugerechnet werden, den bislang (soweit mir bekannt ist) noch nicht geschafften Mediensprung vom Web-Unsinn zum Buch-Unsinn vollzogen zu haben. Eine echte Pionierleistung. Das Kapitel trägt übrigens die Überschrift "Werke und Websites für Wahrheitssucher". Wahrheitssucher, hm..., nunja. Da hat sich der gute Mann aber ganz schön selbst vera****t.

Jaenickes Buch als Kindle-Edition...
...mit Disclaimer